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Ulrich Hottelet
Freier Journalist

(Kommentar im Medienmagazin 'Journalist', Mai 2002)

Nichts Neues aus Nahost?

Abend für Abend seit Jahr und Tag die gleichen TV-Nachrichten aus Nahost: Palästinensische Selbstmordattentäter sprengen sich in Israel in die Luft, israelisches Militär nimmt dafür Ziele in den besetzten Gebieten unter Feuer. Die Spirale der Gewalt, der Vergeltung und der Vergeltung für die Vergeltung reißt nicht ab. Wie vielen Zuschauern würde es wirklich auffallen, wenn man einfach die Beiträge des Vortages senden würde? Wohl nur den wenigsten. Denn wer hört und sieht angesichts der sich ewig wiederholenden Nachrichtenlage und der Borniertheit beider Seiten, der Sharon-Regierung wie der palästinensischen Selbstmordkommandos, noch genau hin? Mag auch die Eskalation des Konflikts in den letzten Wochen eine prominente Platzierung in den Nachrichten rechtfertigen, so gilt doch ansonsten, dass man sich als Fernsehzuschauer verwundert die Augen reibt und sich fragt, was die ausufernde Berichterstattung über jeden einzelnen Schuss und jeden geworfenen Stein auf der Westbank eigentlich soll. Glauben die verantwortlichen Nachrichtenredakteure wirklich, der Durchschnittszuschauer interessiere sich für jedes Detail des schon fast ewigen Konfliktes? Die Spitze des Eisbergs ist die gelegentlich mit Fernsehbildern unterlegte Meldung: "Heute kam es zu keinen Gewalttätigkeiten zwischen Israelis und Palästinensern." Genauso gut könnte man melden, wie viele Autofahrer heute wieder unfallfrei ans Ziel ihrer Wünsche gekommen sind. Einfach absurd.

Trotz der überbordenden Informationen über jeden Schusswechsel wird auf Hintergrundberichte so gut wie komplett verzichtet. Man mag einwenden, das sei nicht Aufgabe einer Nachrichtensendung und könne in den heute obligatorischen 90-Sekunden-Stücken nicht geleistet werden. Doch selbst in dieser kurzen Zeit lassen sich ein paar Sätze sagen, die dem Zuschauer helfen, das Tagesereignis in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Über die mangelnde Umsetzung des Oslo-Friedensabkommens verloren die deutschen Nachrichtensender kaum ein Wort. Obwohl die Frustration darüber auf Seiten der Palästinenser ein wesentlicher Grund für das Wiederaufflammen der Gewalt in der Region ist, halten die Redaktionen das offenbar nicht für berichtenswert. Und wer weiß schon, dass die ungleiche Versorgung mit der in der Region sehr knappen Ressource Wasser ein wichtiger Faktor in dem Konflikt ist? Kein Wort darüber, stattdessen Bilder en masse von Steine werfenden Jugendlichen und auffahrenden Panzern. Dabei haben sich die Israelis in der Vergangenheit zu Recht darüber beschwert, dass die Gewalttätigkeiten oft erst ausbrechen, wenn die Akteure Kamerateams sichten. Man leistet durch diese Art von Nachrichtenjournalismus der Gewalt also noch Vorschub. Das totale Auseinanderklaffen zwischen gut gemachter Information, die beim Zuschauer Wissen und Verständnis schafft, und der beispiellosen Penetranz, mit der minutiös jeder geworfene Stein in einem palästinensischen Flüchtlingslager für den deutschen Fernsehzuschauer protokolliert wird, sucht wirklich seinesgleichen.

Wozu also die ausufernde Berichterstattung, die kaum tiefgehend informiert, dafür aber gewaltig nervt? Was sind die Gründe, dass wir Abend für Abend oft als erste und damit wichtigste Nachricht des Tages über Konfrontationen in Nahost erfahren? Sicher, in erster Linie sind die möglichen weltweiten politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen einer Eskalation des Konflikts zu nennen. Als das israelische Militär kürzlich in die Palästinensergebiete einrückte, stieg binnen kurzem der Ölpreis auf neue Höhen. Ein weiterer Grund für die überragende Präsenz des Nahost-Konflikts in den Nachrichten ist aber die ebenso beispiellose Präsenz der Medien in der Region. Unzählige Kamerateams und Korrespondenten aus aller Herren Länder wetteifern vor Ort um Bilder und O-Töne vom neuesten Anschlag. Von anderen Kriegsschauplätzen dagegen gibt es oft keine Bilder, weil schlicht und einfach kein Kamerateam zugegen ist: Pech für die dortigen Kriegsopfer, von ihnen nimmt kaum einer Notiz. Last but not least dürfte aber der Grund, dass sich die Auslandsberichterstattung hierzulande allzu oft in Meldungen aus dem nahen Osten erschöpft, im schlechten Gewissen der Deutschen zu suchen sein. So verständlich das angesichts des Holocaust, des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte, ist, so wenig hilfreich ist es für die Vergangenheitsbewältigung und das Verständnis der Probleme, denen sich die Juden heute in Israel gegenübersehen und die sie ohne Verfolgung durch die Nazis nicht hätten, wenn nun mit deutscher Gründlichkeit über jede abgefeuerte Patrone auf der Westbank informiert wird. Dadurch lässt sich weder das in der NS-Zeit Geschehene ungeschehen machen noch hilft man damit den Israelis weiter. Den Palästinensern im Übrigen auch nicht.

Die inhaltsleere Nachrichtenflut aus Nahost steht darüber hinaus in starkem Kontrast zur Zurückhaltung deutscher Medien, wenn es um Kriege anderswo auf der Welt geht. Egal ob zum Beispiel in Sierra Leone, Kongo oder Nepal blutige Bürgerkriege mit Tausenden von Todesopfern wüten, ob sich Äthiopien und Eritrea befehden oder ob islamistische Fanatiker in Algerien wieder einmal ein Gemetzel veranstalten - der deutsche Fernsehzuschauer erfährt davon in aller Regel nur als Randnotiz. Afrika ist ohnehin der vergessene Kontinent in den deutschen Fernsehnachrichten. Kriege dort müssen schon mit Hunderten von Toten an einem einzigen Tag aufwarten, um es in die "Tagesschau" oder "heute" zu schaffen. Man stelle sich ein Blutvergießen ähnlichen Ausmaßes zwischen Israelis und Palästinensern vor - ARD und ZDF würden sich mit Sondersendungen gegenseitig überbieten.

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